Gestern in der Vorlesung haben wir uns mit dem, zumindest im Diskurs, größten Feind des guten britischen Alltagsleben auseinandergesetzt. Das sind keine Terroristen und auch keine Migranten. Es scheint vielmehr so, als hätten die Briten vor allem Angst vor dem eigenen Nachwuchs.
Das Thema war das noch relativ neue Forschungsfeld der Kindheitgeographien. Wie geht eine Gesellschaft mit Kindern und Kindheit um und wie wird das "Kindsein" gesellschaftlich erzeugt? Die zentrale Frage, lautet also, wie sollten Kinden oder Jugendliche leben und welchen Normen und Regeln sind sie unterworfen? Tatsächlich sind diese nicht unwichtigen Fragen in den Gesellschaftswissenschaften bisher vernachlässigt wurden. Kinder haben ja auch eine Daseinsberechtigung. Zumindest theoretisch.
Der Einstieg in die Vorlesung war, ob man bei Kindern oder Jugentlichen in der Stadt ein eher positives oder eher negatives Bild hat, welches zum Beispiel von Medien verbreitet wird. Ich selbst meinte, als ich mich an meine Kindheit und Jugend erinnerte (so lange ist das ja nicht her), dass Minderjährige allgemein nicht so ein negatives Image haben. Schließlich gibt es viele Regelungen und Maßnahmen die dazu dienen die schutzlosen Kinder zu beschützen. Der urbane Raum hat eine Reihe von Gefahren (Verkehr oder Kriminalität) denen besonders Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind.
Mir wurde da aber klar von vielen Seiten widersprochen, was mich ziemlich überrascht hat. In Großbritannien werden Kinder und Jungendliche eher mit dem Bild des lauten, störenden bis vandalierenden und betrunkenen jungen Menschen assoziiert. Ein Bild was im deutschen Diskurs eher mit Migration in Verbindung gebracht wird, also nicht für alle Minderjährige gilt, sondern "nur" für jene von Randgruppen. Die ganze Sarazin-Debatte zeigt dies ja, wobei dem Nachwuchs selbst da wenig Schuld zugesprochen wird. Das ist natürlich ähnlich problematisch, aber leider nicht so neu. Das wiederrum eine Gesellschaft auch die eigenen Kinder (da wird offenbar wenig zwischen "britischen" und "nicht-britischen" Kindern und Jugentlichen unterschieden) ist allerdings schon ein Schritt weiter.
Und das dieser Diskurs auch ein paar Auswirkungen habt steht außer Frage. Den Wahnsinn beim Bier kaufen habe ich ja schon erwähnt. Ein Nachtrag dazu. Sainsbury aktzeptiert seit zwei Wochen keine nicht-britischen Ausweise oder Führerscheine, sondern allerhöchstens Pässe. Da fühlt man sich als ausländischer Mitzwanziger schon diskriminiert. Ich brauche keinen Pass zum Einreisen nach UK, aber zum kaufen von Bier? Auch habe ich von Fällen gehört in dem eine Mutter bei ihrem wöchentlichen Familieneinkauf keine Flasche Wein kaufen konnte, weil sie ihren jugendlichen Sohn dabei hatte. Sie könnte ihm ja was abgeben.
In manchen Städte gilt eine Ausgangssperre für Minderjährige an Abend, Nachts oder auch zu Schulzeiten. Die Polizei darf dann junge Menschen im öffentlichen Raum einfach mitnehmen und nach Hause bringen.
Das diese diskrimnierenden Verallgemeinerungen allerdings nicht auf Jugendliche begrenzt ist, sondern auch für jüngere Kinder gilt, sieht man an anderer Stelle. So haben viele kleinere Geschäfte (der Kiosk um die Ecke) Verbote die es nicht erlauben, dass mehr als ein oder zwei Kinder sich gleichzeitig im Laden aufhalten dürfen. Ein oder zwei Kinder kann man ja im Auge behalten, falls sie was klauen wollen, aber bei mehr wird es schwierig. Jedes Schulkind ist in den Augen von manchen Ladenbesitzern also ein potenzieller Ladendieb.
Das übelste wovon ich gehört habe ist das "Mosquito device". Dieses Gerät wird vor Läden oder auf öffentlichen Plätzen angebracht um Kinder und Jugendliche daran zu hindern "herumzulungern". Es sendet einen hochfrequenten Ton aus, der in der Regel nur von Menschen unter 25 Jahren gehört werden kann. Dieser Ton bereitet zwar keine Schmerzen, aber er nervt wohl unglaublich, sodass man schnell einen anderen Ort aufsuchen will.
In Plymouth ist mir kein Ort bekannt wo es das gibt, aber vielleicht bin ich auch zu alt um es zu bemerken. Ich persönlich finde allerdings eine solche Konzeption mehr als Grenzwertig, weil es einfach gegen jeden jungen Menschen pauschal gerichtet ist. Auch gegen Kleinkinder und Babies, die vielleicht gar keine Möglichkeit haben wegzugehen, weil ihre Eltern das störende Geräuch ja nicht hören können. Ich finde die Briten müssen sich schon selbst mal fragen, wie sie ihren eigenen Nachwuchs behandeln. Was sagt denn das über eine Gesellschaft aus?
Das find ich ganz schön krass! Hätte ich niemals gedacht.
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